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An dieser Stelle möchten wir Sie auf besondere Themen und Objekte aufmerksam machen, die uns in der alltäglichen Museumsarbeit beschäftigen.

Thema des Monats August 2016

Entdeckung in der Bibliothek des Sächsischen Apothekenmuseums

Apothekengeschichte

Das Jahrhunderthochwasser im August 2002 zerstörte die geschichtsträchtige 

Stadt-Apotheke zum Löwen in Pirna

 

Die Stadt-Apotheke zum Löwen in Pirna war eine der wenigen alten Apotheken, die sich noch am Platz ihrer Gründung befanden.

Beispielhaft für die Entwicklung der Apotheken allgemein sind auch in der Geschichte der Pirnaer Apotheke lange Familientraditionen ablesbar. Im Laufe ihrer über 400jährigen Vergangenheit treten berühmt gewordene Apothekernamen auf.

 

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Als Gründungsjahr der Apotheke gilt 1578.

Bis ins 20. Jahrhundert bleibt sie die einzige Apotheke der Stadt.

1767 erscheint die Pharmacopoea Pirnensis, das Pirnaer Arzneibuch. Die Ratsakten belegen, daß bis dahin zumindest im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts die Apotheker Pirnas auf die Leipziger Arzneitaxe vereidet wurden.

 

 

Offenbar wird es für die Stadtväter von Pirna mit dem Auftreten einer Pestepidemie um 1570 Zeit, eine privilegierte Apotheke einzurichten. Eine Apotheke betrieb Caspar Milisch (gest. 1588) wohl bereits einige Jahre zuvor mit Unterstützung des Rates der Stadt, das Privileg wird ihm aber erst 1578 erteilt, im gleichen Jahr auch vom Kurfürsten August von Sachsen bestätigt.

 

1618 übernimmt Theophilus Jacobäer (ca. 1591–1659) die Apotheke. Er kommt aus der Dresdner Marien-Apotheke, wo er Geselle bei Jodocus Müller I. war, und leitet die Pirnaer Apotheke über 42 Jahre.Theophilus heiratet die Tochter des vorigen Apothekers, Johanne Maria am Ende. Damit wird das Familienband, das seit der Apothekengründung besteht, fortgesetzt.

Theophilus Jacobäer tut sich in den Annalen der Stadt Pirna als "Retter der Stadt" besonders hervor: „Laut Rescript vom 11. März 1652 ist dem Apotheker und Steuereinnehmer Theophilus Jacobäer, um seines bisher verspürten Fleißes bei der ihm aufgetragenen Einnahme, besonders aber um der unterthänigst erwiesenen Treue willen bei Occupierung der Stadt über seine Besoldung noch ein Bier steuerfrei aus Gnade bewilligt worden."

Der als besonders gewissenhaft und pflichttreu beschriebene Apotheker hatte in der Zeit des 30jährigen Krieges besonders um seine Stadt Pirna verdient gemacht. 

Im Kriegsjahr 1639 fielen schwedische Truppen unter Feldmarschall Banér in Pirna ein. Die Soldaten plünderten die Stadt und drangsalierten die Einwohner. Die schwedische Besatzungszeit ging als das sprichwörtliche "Pirn'sche Elend" in die Stadtgeschichte ein. Schließlich sollte die Stadt sogar abgebrannt werden. Um das zu verhindern, ritt Jacobäer am 25. September 1639 zur sächsischen Kurprinzessin Magdalena Sibylle von Brandenburg-Bayreuth an den Dresdner Hof. Die Kurprinzessin, eine Freundin der schwedischen Königin, schrieb einen Bittbrief an Banér und bat ihn, vom Abbrennen der Stadt abzusehen. Als Banér den Brief erhielt, verschonte er tatsächlich die Stadt und zog mit seinen Truppen weiter. Auf diese Weise rettete Jacobäer mit seinem beherzten Einsatz seine Heimatstadt.

Die dritte Ehefrau des Theophilus Jacobäer ist die Witwe des Dresdner Apothekers Jodocus Müller I. DieseJohanna Charitas verw. Müller bringt aus erster Ehe ihren Sohn Jodocus Müller II. mit, der von 1660 bis zu seinem Tode 1685 die Pirnaer Apothekengeschichte prägt. Sein Sohn, Johann Jodocus Müller III (1681-1701), leitet die Apotheke, lange Zeit nur als Pächterbis zu seinem Tod.

 

 

Dorothea Lucie verw. Müller hinterläßt der Stadt Pirna mit der Dorotheen-Stiftung ein ehrenvolles Gedenken an diese lange Familiengeschichte.

Festgelegt ist in dieser Stiftung, daß alljährlich am Dorotheentag die Auszahlung der Zinsen des Vermögens der Stiftung erfolgen soll: an zwölf Arme, "die ihr Brot sonst nicht erwerben können", zwei Taler an die Armen im Hospital und ein Taler an die Ratsperson, welche die Austeilung der Almosen vornimmt.

1718 wird, ebenfalls durch testamentarische Verfügun der Dorothea verw. Müller deren Neffe Moritz Rachel (1704–1763) Besitzer von Haus und Apotheke, die allerdings bis zur Beendigung seiner Ausbildung noch verpachtet wird. Mit dem Tod seiner Witwe endet die erste Generationenfolge, in der sich die Pirnaer Löwen-Apotheke über den Zeitraum von zwei Jahrhunderten vererbt hat.

 

Die zweite lange Generationenfolge beginnt mit Johann Georg Gottlieb Abendroth (1772–1837).

Abendroth ist zunächst Provisor der Apotheke und wird 1812 deren Besitzer nach dem Tod seiner Ehefrau, der Vorbesitzerswitwe Christiane Rosine Kummer.

 

In diese Zeit fällt auch die Einrichtung der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein durch den Arzt Dr. Pienitz auf der Festung Sonnenstein. Mit der Belieferung der erforderlichen Medikamente wird seit Begründung der Anstalt,1811, der Apotheker Abendroth beauftragt. 1815 handeln der Apotheker Abendroth und der "Hausarzt" Dr. Pienitz die Taxa medicamentorum für die Heilanstalt Sonnenstein aus. Sie enthält 1197 Arzneimittel.

 

Im Zusammenhang mit der Heilanstalt verzeichnen die Chroniken ein denkwürdiges Ereignis aus dem Bereich der Arzneimittelgeschichte.

"Chassez les fous" - werft die Narren hinaus - sollen 1813 die Worte Napoleons sein, mit denen er bei der Besetzung der sächsischen Stadt die Geisteskranken aus der Villa Sonnenstein entfernen läßt. Die Natur rächt sich dafür: an die 160 französische Soldaten, die im Wald vor Pirna lagern, vergiften sich mit der Tollkirsche(Belladonna), welche von ihnen als genießbare Beere angesehen wird – „Wohl die größte bekannt gewordene Massenvergiftung durch diese Giftpflanze“


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Johann Georg Gottlieb Abendroth begründet in zwei sehr kinderreichen Ehen eine namhafte Dynastie von Apothekern und Naturwissenschaftlern.

Er selbst ist ein bedeutender Botaniker. Sein umfangreiches Herbarium und die Büchersammlung bilden den Grundstock der späteren Abendroth-Stiftung

Der erste Sohn, Wilhelm Friedrich Abendroth (1802– 1863), promoviert zum Dr. med. und wird zunächst Leibarzt des Generals Narischkin in Odessa, 1839 kehrt er nach Dresden zurück, wo er als Mediziner inzwischen einen sehr guten Ruf genießt. Er stiftet der Stadt das Marcolinische Palais, das er zu einem „für die damalige Zeit besten Krankenhäuser Deutschlands“ umbaut: das heutige Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt

 

Die jüngeren Brüder Ernst Robert und Otto Rudolf  übernehmen die Apotheke in Pirna. Otto RudolphAbendroth genießt die Apothekerausbildung, studiert Chemie und promoviert in Leipzig zum Dr. phil. Er tritt bereits 1837 aus der väterlichen Apotheke aus, um in Dresden ein "Pharmazeutisches Institut" zu gründen, wo bald auch die pharmazeutische Staatsprüfung abgenommen werden kann. 1839 wir der zum staatlich angestellten Apothekenprüfer für den damaligen ersten Prüfungsbezirk (Bautzen, Dresden, Teile von Leipzig).

1870 pachtet Robert Emil Abendroth  die Apotheke in der dritten Generation und kauft sie von seinen Miterben 1879.

Unter ihm erfährt die Stadt-Apotheke zum Löwen eine grundlegende Umgestaltung auch im Zusammenhang mit der Regelung des neu entstandenen Krankenkassenwesens.

Robert Emil Abenroth übergibt die Bücherei und die Sammlungen seiner Familie als Abendroth-Stiftung derGehe-Sammlung, womit er einen unschätzbaren Beitrag zur Geschichte der sächsischen Pharmazie leistet.

 

1914 endet die 113jährige Generationenfolge der Familie Abendroth mit dem Verkauf der Apotheke an Dr. ph. Julius Friedrich Theodor Leo, dem Sohn des Besitzers der Löwen-Apotheke in Großenhain.

1942 wird mit ausdrücklicher Zustimmung von Margarete und Bertié Leo als Inhaberinnen des Privilegs für die Pirnaer Apotheke die Adler-Apotheke in Pirna gegründet.

 

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Die Stadt-Apotheke zum Löwen wird 1949 verstaatlicht, 1969–71 umfassend renoviert und erweitert und in den 80er Jahren Pharmazeutisches Zentrum des Kreises Pirna.

Nach schweren Beschädigungen durch das Hochwasser 2002 muss die Apotheke geschlossen werden. 

 

Quelle: Prof. Dr. Dr. Kunz-Krause, Dresden: Festschrift 350 Jahre STadt-Apotheke zum Löwen Pirna a.E., 1928

 

 

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